Der Hase Cäsar

Interview mit Sprecher Wolfgang Buresch (2004)

Einleitung

Noch bevor ich anfing, mich für Popmusik und Fußball zu interessieren, gab es einen Helden in meiner Kindheit, der mich bis heute nie so ganz losgelassen hat. Während ich der Sesamstraße Ende der 70er längst entwachsen war und mich die Lach- und Sachgeschichten bei der Sendung mit der Maus zutiefst langweilten, gehörten die Auftritte des Hasen Cäsar zum Pflichtprogramm. Der freche Hase, der fast alles sagen durfte, hatte etwas Befreiendes, die Sendung war so etwas wie Comedy für Kinder, und das gab es in dieser Form im deutschen Fernsehen weder davor noch danach.

Der Höhepunkt seiner Fernsehkarriere waren für mich die Sendungen, in denen Cäsar als Dr. h. c. Cäsar in seiner eigenen Praxis „Beratungen aller Art“ durchführte. Niemand war sicher vor dem Stoffhasen im Arztkittel: Da gab es z. B. die ältere Dame, deren Schneemann Schnupfen hatte. Dr. h. c. Cäsar ließ den Patienten prompt unter die Höhensonne schieben und als nur noch eine kleine Pfütze und eine Rübe vom Schneemann übrig waren, war er um eine Erklärung wie üblich nicht verlegen: „Kleiner ärztlicher Kunstfehler“. Auch als der damalige HSV-Fußballer Kevin Keegan einmal humpelnd in die Praxis kam, leisteten Cäsar und sein Gehilfe Arno ganz Arbeit. Keegans Verletzungen vermehrten sich dank Cäsars eigenwilliger Behandlungsmethoden ziemlich rasch, der gebeutelte Fußballer musste schließlich von mehreren Leuten aus der Praxis gezogen werden.

Rückblickend erscheint mir diese Serie heute auf eine fast schon absurde Weise komisch, so, als hätte sich die geniale britische Komikergruppe von Monty Python damals eine Kinderserie ausgedacht. Dennoch tauchte der Hase Cäsar in den vergangenen Jahren nur noch sporadisch im Fernsehen auf, erst 2004 reaktivierte Cäsars Sprecher Wolfgang Buresch seine wohl bekannteste Puppe für den Kinderkanal. Es wurde also höchste Zeit für ein ausführliches Interview mit dem Mann, dessen Einfluss als Puppenspieler, Regisseur und Redaktionsleiter auf das deutsche Kinderfernsehen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, und so fuhr ich im August 2004 nach Hamburg. Das Interview veröffentlichte ich damals in einem selbstgemachten Magazin mit kleiner Auflage, die Internetveröffentlichung folgt hiermit einige Jahre später.

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen.

Gilbert Blecken, Jahrgang 1969

Interview

Der Hase Cäsar wurde ja Ende der 50er von Anni Arndt gemacht. Geschah das nach Ihren Vorgaben oder war sie dafür ganz allein verantwortlich?

Da gab es überhaupt keine Vorgaben meinerseits, die Puppe war ursprünglich auch gar nicht für mich persönlich gedacht. Zu dieser Zeit war ich Mitarbeiter bei der Hohnsteiner Puppenbühne von Friedrich Arndt in Hamburg. Dort studierten wir damals das Stück „Undine“ als musikalische Pantomime für Erwachsene ein. In einem lustigen Zwischenstück, das in einem Wald spielte, tauchte dann ein Hase auf. Dafür hatte Anni Arndt den Cäsar gemacht, den wir übrigens auch damals schon Cäsar nannten.

Wie begann dann die Fernsehkarriere des Hasen Cäsar?

Es gab Ende der 60er Jahre, vom WDR produziert, die Fernsehreihe „Märchenraten mit Kasper und René“, in der auch in einer Folge der Hase Cäsar auftrat. Eines Tages betrat der damalige Intendant, Klaus von Bismarck, das Studio, und mit ihm noch einige weitere Programmverantwortliche des Senders. Kasper und Cäsar quatschten den Klaus von Bismarck sofort an und duzten ihn, was seine Untergebenen vor Überraschung etwas starr werden ließ. Doch der Intendant hatte offenbar Spaß an der Unterhaltung mit dem frechen Hasen und es ergab sich ein witziges Gespräch. Danach hat dann der für das Kinderfernsehen zuständige Redakteur gesagt, dass der Hase Cäsar eine eigene Sendung haben müsste. Die ersten Folgen waren noch sehr simpel: Cäsar geht in die Schule, Cäsar macht Ferien, Cäsar will zum Zirkus oder Cäsar wird Fernsehansager. Wir haben da eine Menge ausprobiert. Später hatte dann der Redakteur Gert Müntefering die Idee, dass der Hase Cäsar Disc Jockey werden soll. Das konnte ich mir erst gar nicht vorstellen, aber dann dachte ich mir, wenn man die Sänger vorstellt oder die Schlager inhaltlich mal auseinander nimmt, dann könnte es Spaß machen. Ich wusste allerdings auch, dass Cäsar einen menschlichen Partner brauchte. Wir haben dann ein richtiges Casting mit einigen Schauspielern gemacht. Als dann Arno Görke kam und mit dem Cäsar spielte, war mir klar, das wird mein Partner. Er hatte sofort die richtige Grundeinstellung, die man braucht, wenn man mit einer Puppe spielt: Er hat die Puppe ernst genommen und nur mit ihr gespielt, also nie den darunter sitzenden Puppenspieler angesprochen. Arno war ein sehr guter Schauspieler und ganz begnadeter Komiker. Es hat ein unglaubliches Vergnügen gemacht, mit ihm zu drehen. Als wir dann „Schlager für Schlappohren“ produzierten, entwickelten sich auch sehr schnell Cäsars bekannte Ansagen, die jeweils mit seinem „Bitteschöööön!“ endeten. Wenn ich damals einkaufen ging und eine Verkäuferin sagte zu mir „Bitteschöööön!“, ohne zu wissen, dass ich der Spieler des Hasen bin, dann war das für mich schon sehr lustig. Ohne den Cäsar erkannte mich ja kaum jemand.

Wie erklären Sie sich die damalige Popularität des Hasen Cäsar?

Er war einfach das, was sich Kinder damals wünschten: direkt, frech, laut! Offiziell wurde gesagt, der Cäsar sei so vorlaut, dass das Programm frühestens für Kinder ab zehn Jahren geeignet sei. Wenn Sie die Programme von damals mit den heutigen vergleichen, dann wäre der Hase Cäsar jetzt wohl eher ein Programm für Kleinkinder, und trotzdem müssten wir es heute doppelt so schnell schneiden. So haben sich inzwischen die Sehgewohnheiten verändert.

Von all Ihren Puppen ist der Hase Cäsar die bekannteste. Ich kann mich an ein Interview mit Astrid Lindgren erinnern, in dem sie erzählte, dass ihre populärste Figur Pippi Langstrumpf gar nicht ihre persönliche Favoritin sei, sie hänge mehr an dem Michel aus Lönneberga. Fühlen Sie sich vielleicht auch mehr zu Ihren anderen Puppen wie Meikel oder Plumpaquatsch hingezogen als zum Hasen Cäsar?

In allen Puppen, bzw. in allen Charakteren, die ich mit den Puppen dargestellt habe, steckt natürlich ein Teil von mir; ein Teil, den ich durch die Puppe auslebe. Der Cäsar war ja von all meinen Puppen die frechste, man könnte auch sagen die pubertärste, und diese Seite gehört eben zu mir. Meikel dagegen war ja eher so eine Art Großvaterfigur, und auch das ist ein Teil von mir. Trotzdem ist mir der Cäsar wohl der Liebste, wahrscheinlich auch deswegen, weil ich am längsten mit ihm zu tun hatte.

Noch einmal kurz zu Astrid Lindgren. Sie waren auch an einigen Schallplatten mit ihren Geschichten beteiligt. Haben Sie sie jemals persönlich getroffen?

Ja, ich habe sie einmal getroffen. Als ich damals aus ihrem Buch „Madita“ ein Hörspiel geschrieben hatte, wurde ihr das zur Abnahme geschickt. Sie schrieb zurück: „Sehr schön, lieber Herr Buresch, aber bitte alles im Präsens.“ Das Buch war im Präsens, und ich hatte mich sehr bemüht, es in Zeiten zu setzen, weil ich dachte, im Hörspiel kann es nur so gehen. Deshalb hat mich Astrid Lindgrens Meinung sehr erstaunt. Ich habe sie dann angerufen und kurz danach besucht, weil ich herauskriegen wollte, warum sie so dachte. Bei diesem Treffen habe ich viel von ihr gelernt. Wir haben uns ein paar Stunden unterhalten, in denen sie mir von ihren Erfahrungen erzählt hat, besonders was Literatur und Stücke für kleine Kinder betrifft. Dabei erklärte sie mir auch, warum es wichtig ist, für diese Altersstufe Stücke im Präsens zu schreiben. Ich habe das dann auch für meine eigenen Arbeiten übernommen. Astrid Lindgren war eine beeindruckende Frau, unglaublich engagiert. Was ich besonders an ihr mochte, war die Ernsthaftigkeit, mit der sie für Kinder arbeitete. Das halte ich übrigens auch für eine notwendige Grundvoraussetzung im Fernsehgewerbe.

Sie soll auch sehr viel Humor gehabt haben. Als sie vor wenigen Jahren zur „Schwedin des Jahres“ gekürt wurde, meinte sie: „Ich bin fast blind, werde langsam verrückt und Sie wählen mich zur ‚Schwedin des Jahres‘. Was sollen denn die anderen Länder von uns denken?“

Ironie war ihr zweifellos nicht fremd, auch Selbstironie nicht. Die Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit stand nicht im Gegensatz zu ihrem Humor. Beides ist möglich, bei ihr hat es sich vortrefflich ergänzt.

Waren Sie manchmal erstaunt über Cäsars Schlagfertigkeit? Hat sich die Figur vielleicht auch mal verselbständigt?

Ich sage immer: Die beste Improvisation ist die, die lange vorbereitet ist. Ich denke nicht, dass mich Cäsars Schlagfertigkeit jemals überrascht hat, bei Cäsars Partnern war das natürlich anders. Und da ich weiß, wie oft ich mir im Leben als Wolfgang Buresch auf die Zunge gebissen und Sachen heruntergeschluckt habe, die ich als Cäsar aussprechen konnte, habe ich mich über die Möglichkeit seiner Schlagfertigkeit immer gefreut.

In einem Internetforum schrieb mal eine Teilnehmerin: „Ich habe den Hasen Cäsar geliebt, meine Eltern haben ihn gehasst.“ Ist Ihnen das häufiger begegnet?

Das hat es gegeben, und zwar aus den bekannten Gründen: Weil er frech war, weil er laut war, weil er präsent war, keine Angst vor Autoritäten hatte und ganz unverstellt seine Meinung gesagt hat. Deshalb gab es wohl einige Eltern, die ihn fürchterlich nervig fanden und dachten, er sei kein gutes Beispiel für Kinder.

Ein Vorwurf lautete auch mal, der Cäsar sei schadenfroh gewesen, besonders zum gebeutelten Arno, der manchmal schon ziemlich viel ertragen musste.

Er war nie schadenfroh. Er hat lediglich manchmal als Replik auch Arnos Schwächen bloßgestellt. Wirklich schadenfroh war er aber nicht, dazu haben die beiden sich viel zu sehr geliebt.

Können Sie vielleicht noch etwas mehr zum Verhältnis vom Hasen Cäsar zu Arno sagen?

Das Verhältnis von Cäsar und Arno war eigentlich das von Geschwistern. Arno war der große Bruder, der sich vom kleinen nerven ließ, auch mal sauer auf ihn war, ihn aber dennoch sehr mochte.

Arnos früher Tod hat Sie wahrscheinlich sehr getroffen.

Das stimmt, denn wir waren nicht nur Kollegen, sondern auch privat befreundet. Wir haben über die Arbeit hinaus sehr viel zusammen gemacht, in Köln sogar manchmal zusammen gewohnt. Wir hatten gemeinsam sehr viel Spaß. Arnos Tod war zwar ein Sterben auf Raten, denn einige Jahre vorher hatte er bereits eine sehr schwere Operation hinter sich, doch die Jahre dazwischen hat er für sich optimal genutzt und genossen. Er schien sich gut erholt zu haben und hat als Schauspieler bis zu seinem Tod sehr erfolgreich auf vielen Bühnen gespielt. Er war ein toller Schauspieler und ein treuer Freund.

Haben Sie noch Kontakt zu Hanni und Susanne, den Partnerinnen Ihrer Puppen Meikel und Plumpaquatsch?

Nein, wir haben uns aus den Augen verloren. Susanne habe ich noch ab und zu mal getroffen, weil sie ja auch hier in Hamburg wohnte. Hanni, die inzwischen eigene Filme für den NDR macht, habe ich sehr selten gesehen.

Noch eine Frage zu den Internetforen: Ich habe bemerkt, dass Sie dort in regelmäßigen Abständen höchstpersönlich auf die Fragen der Teilnehmer antworten. Empfinden Sie selbst heute noch so etwas wie Verantwortung gegenüber den ehemaligen Zuschauern, die ja längst den Kinderschuhen entwachsen sind?

Nicht Verantwortung, aber ein Stück Dankbarkeit. Das waren mal Fans. Denen hat die Serie Spaß gemacht und mir hat es Spaß gemacht, für sie zu spielen. Wenn man diese Arbeit ernst nimmt, dann bekommt man auch unglaublich viel von den Zuschauern zurück. Das merken sie dann an den Zuschriften, die sie bekommen. Ich erinnere mich da z. B. an eine 5-Jährige, die ihre ältere Schwester gebeten hat, dem Hasen Cäsar zu schreiben. Dieses Mädchen hatte tatsächlich die Hälfte ihres monatlichen Taschengeldes dafür ausgegeben, dem Cäsar ein halbes Pfund Mohrrüben zu kaufen. Als das Päckchen dann bei uns ankam, waren die Mohrrüben natürlich nicht mehr ganz so frisch, aber was da an Gefühl für eine Stoffpuppe drinsteckte, hat mich sehr berührt. So ähnlich ist es heute in den Internetforen: Ich war schon ein wenig gerührt, als ich zum ersten Mal sah, dass sich Erwachsene sogar heute noch gern an die Sendung erinnern.

Was ja nach all den Jahren schon erstaunlich ist. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich denke, dass das, was einen als Kind berührt hat, auch im Kopf und im Bauch bleibt. Ich habe ja selbst auch noch einige literarische Figuren aus meiner Kinderzeit gut in Erinnerung.

Welche Figuren sind das?

Der Graf von Monte Christo und Robinson Crusoe waren ganz starke Figuren für mich. Das hat auch viel mit Zeitgeist zu tun. Zur Zeit von Cäsar haben sich die meisten Kinder gewünscht, ihre Meinung sagen zu dürfen, und genau das tat der Hase Cäsar. Heute ist es eher Zeitgeist, sich zu verweigern, und das erklärt auch den Erfolg von Bernd das Brot. Ich weiß, dass Bernd das Brot bei ganz vielen Jugendlichen Kult ist. Die werden ihn in ihrer Erinnerung mitnehmen bis sie 50, 60, 70 sind. Dann werden die heutigen Jugendlichen sagen: „Bernd das Brot, das war noch ein Typ im Fernsehen!“

Wenn ich ehrlich bin, habe ich Bernd eher als Gegenstück zum gegenwärtigen Trend empfunden. In einer Zeit, die sehr schnell ist, gilt er doch eher als Verfechter dessen, was heute gerne mit dem Begriff „Entschleunigung“ beschrieben wird.

Stimmt, er ist wahrlich ein „Entschleuniger“. Ich denke, er macht das, wonach sich ein Großteil der Jugendlichen, aber auch der Erwachsenen sehnt, nämlich einmal wegzukommen von diesem Immer-auf-Trab-sein. Dass er das auf eine so charmante Weise rüberbringt, macht ihn für mich zu einer unglaublich guten Figur.

Sie sprachen gerade an, dass Bernd das Brot auch bei Erwachsenen sehr beliebt ist. Die Jugendkultur scheint ja ohnehin längst nicht mehr nur auf die Jugend begrenzt. Kann man sagen, dass sich die Generationen verwischt haben?

Ich glaube nicht, dass die Generationsunterschiede verschwinden. Eher glaube ich, dass es Interessen seitens der Industrie gibt, diese Grenzen aufzuweichen. Aber das wird nicht funktionieren.

Haben Sie sich damals mit dem Hasen Cäsar so ein wenig als Verschwörer auf Seiten der Kinder gesehen?

Nicht als Verschwörer, aber ich war natürlich parteiisch. Ich habe Partei genommen für Kinder. Über meine Arbeit beim NDR habe ich mal gesagt, dass ich die Arbeit eines Lobbyisten mache, weil es für Kinder eben keine Lobby gibt. Und natürlich war auch der Cäsar auf Seiten der Kinder, er war ja eigentlich selbst ein Kind. Kinder erreicht man über die Identifikation mit bestimmten Personen und Figuren, aber nicht, wenn man sie belehren will. Ich habe aber nie den Versuch gemacht, die Kinder aufzuwiegeln. Es war lediglich so, dass der Cäsar die Kinder mal darauf aufmerksam gemacht hat, genau hinzuschauen, was ihre Eltern so machen. Die machen nämlich z. T. ganz komische Sachen, auch wenn sie sich dabei sehr ernst nehmen. Insofern war er tatsächlich etwas subversiv.

Hat sich Ihre Frau eigentlich mal darüber beschwert, dass sie manchmal nicht zwei, sondern drei Kinder zu Hause hatte?

Nein, denn sie wusste ja, wen sie heiratet. Sie hatte mich als Puppenspieler erlebt und wollte mich eigentlich auch deshalb als Mann haben. Mittlerweile sind wir 43 Jahre verheiratet, und froh, dass wir zusammen sind. Ich hatte im Gegensatz zu vielen anderen Männern nie Probleme gehabt, das Kind in mir auszuleben. Das konnte ich glücklicherweise beruflich tun, das musste ich nicht zu Hause machen, und das trägt sicherlich zur Stabilität einer solchen Partnerschaft bei.

Sie sprachen gerade davon, dass Ihnen der Beruf die Möglichkeit gegeben hat, Ihre kindliche Seite ausleben zu können. Ist es nicht ein Privileg von Künstlern allgemein, dass sie das viel besser tun können als andere Menschen?

So ist das wohl. Ich selbst habe mich aber nie als Künstler gefühlt. Ich definiere das, was ich tue, als Handwerk. Das hat auch mit meiner Herkunft zu tun. Meine Mutter war Sängerin am Theater und ich habe in meiner Kindheit viel Zeit im Souffleurkasten verbracht. Das ist ein Platz, wo Sie mitkriegen, dass das, was Sie auf der Bühne sehen, Arbeit ist. Sie riechen den Schweiß. Sie erfahren an dieser Stelle: Das ist in erster Linie Handwerk auf der Bühne.

Wie so eine Fernsehproduktion funktioniert, haben Sie selber mal in einer Folge des Hasen Cäsar gezeigt. Zerstört ein solcher Blick hinter die Kulissen nicht viel von der kindlichen Illusion?

Ich denke nicht. Das habe ich in all meinen Serien hin und wieder mal gemacht. Ich glaube, dass es ein Irrtum ist, zu meinen, dass man Kinder in der Illusion lassen muss. Kinder sind nicht so blöd, dass sie nicht wissen, dass diese Figur aus Stoff ist und von einem Menschen gespielt wird. Sie bleiben freiwillig in der Illusion. Das sehen Sie ganz deutlich, wenn Sie z. B. einem Kind zusehen, das mit einem Stück Holz Auto spielt. Das Kind macht „brumm-brumm“ und tut so, als sei das Stück Holz das Lenkrad eines Autos. Aber wenn ein Erwachsener hereinkommt, den das Kind nicht mag, den es nicht mit hineinnehmen will in sein Spiel, dem wird es sagen: „Das ist kein Auto, das ist ein Stück Holz, das siehst du doch!“ Die meisten Kinder gehen viel bewusster mit ihren Imaginationen um als wir glauben. Da können sie rein- und rausspringen wann sie wollen.

Diesen Blick hinter die Kulissen gab es ja – allerdings auf einer ganz anderen Ebene – auch bei Harald Schmidt, etwa wenn die Assistentin mit den Gagtafeln eingeblendet wurde. War das für Sie ein Zeichen von Uneitelkeit oder eher das Gegenteil davon?

Ich schätze die Arbeit von Harald Schmidt zum großen Teil sehr, aber in Zusammenhang mit ihm käme ich nicht unbedingt auf das Wort „uneitel“. Für mich war gerade das eher ein Spielen mit der Eitelkeit, eine Art von Kokettieren nach dem Motto: „Seht her, was sich das Publikum alles bieten lässt!“ Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht und er ist ein ganz uneitler, bescheidener Mensch…

In Ihrem Buch „Kinderfernsehen“ haben Sie all jene Serien aufgelistet, die Sie persönlich für die Entwicklung des Kinderfernsehens für wichtig gehalten haben. Darunter befindet sich mit „Timm Thaler“ auch eine Serie, die ja eigentlich ganz anders funktionierte als die meisten anderen Kinderserien. Die Serie war voll von Metaphern und großen Themen wie Macht und Verführung. Während andere Kindersendungen doch eher darauf ausgerichtet sind, den Kindern die Welt zu erklären, wurden sie bei „Timm Thaler“ eher dazu gebracht, sie infrage zu stellen. Wofür stand „Timm Thaler“ für Sie?

Für genau das, was Sie beschreiben. Dass Kinder dazu angeregt werden, das zu betrachten, was sie umgibt. Das habe ich für die damalige Zeit tatsächlich für etwas ganz Besonderes gehalten.

Bedauern Sie im Nachhinein, dass Sie sich schon in den 80er Jahren darauf konzentriert haben, die NDR-Abteilung „Kinder und Familie“ zu leiten, anstatt selbst weiterhin kreativ zu sein?

Ja und nein. Einerseits ahnen Sie vermutlich gar nicht, wie viel Kreativiät man braucht, um eine Abteilung zu leiten. Doch ich denke, alles hat seine Zeit. Ich habe sehr gern Programme gemacht und hatte das Glück, dass ich immer für die Altersstufe Sendungen machen konnte, von der ich am meisten verstand. Ich bin da praktisch mit der Entwicklung meiner eigenen Kinder mitgegangen. Als ich dann administrative Aufgaben übernahm, musste ich erst einmal viel dazulernen, dieser Bereich war mir vorher völlig fremd. Das war ziemlich mühevoll, hatte aber auch seinen Reiz, da ich gern lerne.

Der Hase Cäsar hat ja vor einigen Monaten sein Comeback im Kinderkanal gefeiert. Wie finden Sie denn den KiKA insgesamt?

Ich liebe ihn. In dem Zusammenhang bin ich für die Existenz der privaten Fernsehsender sogar richtig dankbar, weil sie dafür gesorgt haben, dass ARD und ZDF den Kinderkanal gegründet haben. Wahrscheinlich hätten die beiden sich dieser Konkurrenz sonst gar nicht mehr erwehren können. Als Großvater finde ich es schon gut, dass es einen Kanal gibt, der Programme für Kinder ausstrahlt, die den Kindern zumindest nicht schaden. Ich bin also ein absoluter Freund des Kinderkanals.

Wie kam denn Ihre eigene Zusammenarbeit mit dem KiKA zustande?

Der Leiter des Kinderkanals sprach mich an, weil sie eine Retro-Reihe planten, die sie gerne von einer Figur aus der damaligen Zeit moderieren lassen wollten, von der sie darüber hinaus dachten, dass sie heute noch populär ist. Ich habe mir das erst einmal überlegt, aber dann wirklich sehr gern und mit großem Spaß mitgearbeitet. Und nun, wo ich mich wieder mit dem Hasen Cäsar beschäftigt habe, würde ich auch nicht mehr sagen, dass es keine neue Reihe mehr mit ihm geben wird. Ich weiß zwar noch nicht, wer das dann senden wird, aber ich weiß, dass ich versuchen werde, etwas zu entwickeln, und zwar aus folgender Überlegung heraus: In der Regel ist es ja so, dass so eine Puppe mit dem Puppenspieler stirbt und deshalb dachte mein eitler Teil, warum muss es denn beim Cäsar auch so sein? Man wird eine neue Cäsar-Figur allerdings äußerlich vorsichtig dem Zeitgeist anpassen. Und in den ersten Folgen würde ich ihn noch selber sprechen und spielen, doch dann könnte ein anderer, der diese Stimme auch sprechen kann, die Puppe übernehmen, wobei ich weiterhin noch an den Sendungen mitarbeiten würde. Das wäre dann ein gleitender Übergang. So könnte das eine zweite Generation vom Cäsar werden, wobei dann natürlich eine neue Art zu spielen und zu improvisieren auch neue Seiten vom Cäsar zeigen würde. Das stelle ich mir sehr reizvoll vor. Daran bastele ich innerlich zur Zeit.

Inwieweit soll denn der Cäsar äußerlich verändert werden?

Vieles wird nicht verändert werden, einiges auch gar nicht, wie z. B. die Augen, die Ohren und die Sprache. Nur wenn man die Puppe von der Seite sieht, dann merkt man, dass man dort noch etwas verändern kann, denn die meisten Klappmaulpuppen sehen ja in der Regel nur von vorne schön aus. Ich würde den Cäsar so bauen, dass es auch von der Seite so aussieht, als ob er lachen würde.

Wie ist das eigentlich mit der heutigen Hase-Cäsar-Puppe, gibt es die nur einmal oder öfter?

Der Original-Cäsar steht in München im Museum. Und dann gibt es einen zweiten Original-Cäsar, mit dem ich seit 28 Jahren spiele und der bei mir wohnt. Aber nicht verraten! (Augenzwinkern)

gilbertblecken(at)gmx.de

Gilbert Blecken, Unter den Rüstern 13, 12167 Berlin

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